Das Fest
2. Mai 2009
*dindong*
Micha, gehst du? Ich schmink mich gerade noch…
Ah, Tom, schön dass du kommst!
Dank dir für die Einladung. Hier, ich habe einen guten Bordeaux ausgegraben, ich hoffe, Karin darf noch…?
Nein, sie verbietet es sich schon seit einem halben Jahr, na vielleicht heute Abend eine kleine Ausnahme, mal sehen. Karin, kommst du…!
Tanja! Och, herrliche Blumen, tausend Dank!
Naja, ich hab gedacht, jetzt, wo du mehr Zeit zu Hause verbringen wirst, schadet ein bisschen Farbe nicht. Geht‘s dir gut?
Ja, alles ok. Hab manchmal Turnstunde im Bauch.
Der ist ja auch schon ganz ordentlich gewachsen, wie lange…
Fast sechster Monat. Und ich fühl mich echt wohl, hätte ich nicht gedacht. Ach: Du Micha, schau doch, es hat geklingelt.
Hallo Martin. Schön, auf dich habe ich mich gefreut, alles klar?
Super. Morgen geht‘s nach nach Amerika auf Lesereise — hab etwas Nervenflattern.
Das ist im Flugzeug vorbei und ich hoffe mal, dass du ein begeistertes Publikum hast… Ah, dank dir. Den kenne ich noch nicht, das erste Buch? Arztroman, nicht trivial? Bin gespannt, du…
Thomas! Du hast aber auch schon bessere Tage erlebt, wie siehst du denn aus?
Ach, Schwesterherz frag nicht… Könnte ich ein Bier haben?
Hast du dir mit dieser halbseidenen Enthüllung Ärger eingehandelt? Der Politiker, wie hieß der gleich… Ja, der! Wetten, der hat dir seine Anwälte auf den Hals gehetzt. Die Sandra kennt den, der ist ein Tier, wenn‘s um seinen Ruf geht…
Ähm, Karin… ein Bier bitte!
Die Gäste verteilen sich in der Wohnung und unterhalten sich lebhaft. Auf dem Tisch stehen Häppchen, Käse, verschiedene Salate, ein riesiger Obstteller. Auf der kleinen Anrichte neben der Balkontüre Getränke: Elsässer Weißwein, italienischer Rotwein, Bier, diverse Säfte und Wasser. Die meisten der Gäste greifen fleissig, aber maßvoll zu. Sie sind Mitte dreißig, Anfang vierzig, haben gut bezahlte Jobs, stehen mitten im Leben. Dort haben sie sich eingerichtet, im Stil wohl ähnlich gemütlich wie Karin und Michael: Naturfarben und Holz statt Stahl, lebendig, Bücherregale, Plattensammlungen oder Poster von Ausstellungen, alle auf ihre Weise eigen. Michael schwelgt in seiner Schellack-Sammlung und legt die schönsten Stücke auf. Karin bleibt nüchtern, als einzige in der Runde, doch das tut ihrer Gesprächsbereitschaft keinen Abbruch. Es wird nicht getanzt und Michael verlegt sein Musikprogramm später auf den Laptop und startet eine Playlist, Hintergrundmusik für Gespräche mit Liedern im Ohr von R.E.M. Cranberrries. Cure. B 52s. Stones. ACDC. Dann setzt er sich mit einem Bier zu Thomas.
Haben sie dir für die Geschichte mit dem Politiker noch nicht in den Arsch getreten?
Natürlich: und wie! Was denkst du denn, dass der sich einfach so fertigmachen lässt?
Würdest du auch nicht, oder?
Jetzt bitte, fang nicht wieder an, mit mir über den journalistischen Wahrheitsbegriff diskutieren zu wollen, dafür hab ich echt schon zu viel Bier. Ich bin sicher, dass der Dreck am Stecken hat. Ich…
*dindong*
Oh, es hat geklingelt, warte ich komm gleich wieder… Felix! Endlich, wir haben schon den ganzen Abend auf dich gewartet!
Sorry, ich bin doch echt auf dem Sofa eingeschlafen. Eine Woche Nachtschicht, das merkt man…
Felix ist der einzige, der einen Anzug trägt. Er begrüsst die Runde, jede und jeden einzeln und etwas zu förmlich für die schon gelassene Stimmung mit Handschlag. Karin drückt ihm ein Glas Sekt in die Hand, damit er „wenigstens“ anstoßen kann. Nach einiger Zeit setzt er sich zu Michael und Thomas. Die beiden sind in ihr Gespräch vertieft, Michael hat gerötete Wangen, Thomas glasige und rot geäderte Augen.
Na Herr Oberarzt, versuchst du, dich mit der lokalen Presse gut zu stellen, damit deine dunklen Machenschaften nicht aufgedeckt werden?
Ähm, ich geh mal in die Küche, mal schauen, ob ich einen Kaffee auftreiben kann.
Ja, Ciao Thomas, und viel Glück mit den Anwälten…!
Du hast heute wohl wieder mal deinen netten Tag, doch nicht so gut geschlafen?
Nein, alles in Ordnung, aber den handwerklichen Pfusch, den der betreibt, könnten wir uns nicht erlauben. Bei uns würden Menschen sterben, würden wir solch haarsträubende Fehler machen. Aber es heißt ja, Papier und vielleicht auch Bildschirme seien geduldig…
Am Fenster
1. Mai 2009
Thomas sitzt vor dem Fernseher in seinem bequemen Sessel, dessen Lehne über seinen Kopf hinausragt, so dass er sich nicht einmal anstrengen muss, diesen aufrecht zu halten. Er sitzt auch nicht in dem Sessel, er fläzt. Auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel steht ein Aschenbecher, in dem eine Zigarette vor sich hin glimmt, ihr entwächst ein immer länger werdender Aschenwurm. Daneben eine fast leere Flasche Rotwein. Ansonsten sieht die Wohnung, sofern es die spärlichen hellblauen Bildschirmlichtverhältnisse zulassen, recht ordentlich aus. Allein in der Ecke neben dem Schreibtisch, der wiederum in der Ecke dieses einzigen großen Zimmers steht, häufen sich Zeitungen in drei großen Kartons, die überquellen.
Im Fernseher wird ein Fussballspiel übertragen. Eine italienische Mannschaft ist zu Gast im Stadion, das ungefähr einen Kilometer von Thomas Wohnung entfernt liegt. Er hat sogar eine Jahreskarte für das Stadion und kann öfters die Glaskabinen nutzen, die für besonders betuchte Gäste eingerichtet wurden, damit diese freie Sicht auf das Spiel haben. Heute hat er es hingegen vorgezogen, das Spiel als Liveübertragung im Fernsehen anzuschauen. Der Tag war zu anstrengend. Das Online-Portal, das er für die städtische Zeitung betreut hat, wurde auf Geheiß seines Chefredakteurs, den er seit Schulzeiten als Freund bezeichnet, stillgelegt wegen mangelnden Traffics. Das hat ihn getroffen.
Dann hat sich herausgestellt, dass eine der Quellen für eine Enthüllungsstory über die Finanzierung einer Müllverbrennungsanlage, die er vor drei Tagen hat drucken lassen, nicht wahrheitsgetreu war. Der Angegriffene, ein angesehener Regionalpolitiker, hat am Nachmittag seinen Anwalt mit einer entsprechenden Ausgleichsforderung in die Redaktion geschickt. Falls dieser sehr hohe Betrag nicht bezahlt würde, müsse er mit einer Anklage rechnen. Sollte herauskommen, dass er schlampig gearbeitet hat, wäre das recht unangenehm für seinen Ruf als seriöser Enthüllungsjournalist, den er bisher genossen, zumindest für sich in Anspruch genommen hat.
Das Telefon klingelt. Das Display zeit „Keine Anruferinfo“. Er nimmt trotzdem ab, man weiß ja nie und eher aus Gewohnheit denn überlegt: Sie sind dran, das kann ich Ihnen sagen, Sie dämlicher Schmierfink! Der Anwalt heute war viel zu nett, ich habe sein Honorar erhöht, um genau zu sagen: Verdoppelt, nur dass er nicht mehr so nett ist zu ihnen — ähm, ich… — Wissen Sie, wie meine Frau reagiert hat? Sie können sich auf was gefasst machen, so einfach schießen Sie mich nicht ab, dazu noch mit so billigen Beweisen, wie Sie das nennen, Sie betreiben Rufmord…
Im Krankenhaus
30. April 2009
Das Krankenhaus liegt außerhalb und etwas oberhalb der alten Innenstadt. Das Hauptgebäude stammt aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, ein nüchterner Steinbau mit zwei runden Hörsälen unter dem Dach, die beidseitig oberhalb des Portals aus der Mauer ragen. Weiter die Straße entlang wächst ein moderner Anbau aus Beton, Stahl und Glas aus dem fein geschnittenen Rasen. Hinter beiden Gebäuden verteilen sich um einen Park herum die Mensa, Labors, eine Bibliothek, der Südflügel für Notfälle und ambulante Behandlungen.
Er geht schnellen Schritts in die große und hohe Eingangshalle. Seine ledernen Absätze knallen auf den Holzboden. Er nickt dem Pförtner in der Glaskabine kurz zu, ohne auf dessen Reaktion zu warten. Gerade als er bei den Lifts ankommt, öffnet sich eine der Türen. Er tritt ein, drückt einen Knopf. In der vierten Etage geht er an Behandlungszimmern, Labors, Toiletten und einem Schwesternzimmer vorbei. Vor letzterem hält er an. Er schaut vorsichtig durch die halb geöffnete Tür, sein Blick verweilt einen Augenblick darin, dann geht er weiter.
Am Ende des Ganges klopft er an eine Tür und tritt ein ohne zu warten. Die Sekretärin schaut auf und sagt: „Der Chef wartet schon“, während er ohne den Kopf zu drehen an ihr vorbei und auf die schwarze Türe zugeht und ein großräumiges Büro betritt, ein Eckzimmer mit zwei Glasfronten, Wänden aus nacktem Beton, nüchtern schwarz und silbern eingerichtet. Er geht etwas langsamer zu dem Schreibtisch, der den halben Raum füllt, darauf ein schmales, weißes Laptop, und setzt sich in den schweren Ledersessel davor.
Morgen, Felix.
Morgen, Manfred. Was gibt‘s?
Schön, dass du kommst. Folgendes: Ich habe gestern einen Investor getroffen, der unser Projekt unterstützen würde. Bedingungen stellt er keine außer den üblichen, nämlich dass sein Kapital innerhalb der nächsten, sagen wir fünf Jahre Gewinn abwirft. Was meinst du, wann können wir den Wirkstoff testen?
Hm, im Moment stehen noch die Ergebnisse für den letzten Versuch aus, die Stämme entwickeln sich aber prächtig. Ich würde sagen, dass wir in drei Monaten mit einer ersten klinischen Versuchsphase anfangen können. Aber das ist eine vorsichtige Prognose, es könnte länger dauern.
Na, aber das hört sich doch gar nicht so schlecht an. Könntest du in den nächsten Tagen die bisherigen Ergebnisse dokumentieren?
Kein Problem, das meiste ist schon im Computer. Meint es der Investor ernst? Und hat er ein bisschen Ahnung von der Sache?
Ich glaube schon.
Gut.
Michael kommt nach Hause
29. April 2009
Karin steht in der Küche. Sie trägt einen Trainingsanzug. Ihr blondes Haar hat sie locker hochgesteckt. Es wird von einer Spange zusammengehalten. Sie wartet, bis das Wasser kocht. Vor ihr steht eine leere Tasse mit einem Käuterteebeutel.
Michael betritt das Haus. Seine dunkle Jacke und die Ledertasche in der linken Hand sind feucht vom Niesel draußen. Hinter ihm fällt die schwere Eichentür ins Schloss. Er macht das Licht an, das nur Dämmerlicht abgibt.
Im Wasserkocher brodelt es immer heftiger, bis er ausgeht. Karin nimmt den Kessel und gießt ihren Tee auf. Sie geht ins Esszimmer, setzt sich an den runden Holztisch und blättert in der Zeitung. Nach einigen Augenblicken legt sie sie wieder weg und starrt aus dem Fenster, der Himmel ist wolkenverhangen grau. Sie schlürft vorsichtig vom heißen Tee.
Das enge Treppenhaus ist schwach beleuchtet. Die alten Holzstufen knarren unter seinen Schritten. Nach dem zweiten Treppenabsatz muss er im Dunkeln stehenbleiben, um erneut das Licht anzuschalten. Hinter einer der Türen dröhnt Kindergeschrei schrill. Etwas donnert gegen die Wand. Er greift zum Geländer und geht weiter.
Das Handy zeigt nichts an außer 19:36 und dem Status des Akkus. Sie steht auf, die Tasse in der Hand, geht zum Bücherregal und nimmt eines der Bücher von einem Stapel. Sie schaut es an, liest den Klappentext kennt die dunklen Seiten Coldhavens. Sein Vater, ein bekannter Naturfotograf legt es wieder auf den Stapel. Ihr Blick gleitet am Bücheregal vorbei zu dem alten Sofa, Plüsch, am Fernseher, an den Platten vorbei zu dem kleinen Zimmer, das leer steht.
Auf den letzten Stufen zieht er den Schlüssel aus der Tasche. Er bleibt vor der Wohnungstür stehen, stellt die Tasche ab, hält sich mit der linken Hand an der Wand fest und zieht die Schuhe aus, um sie auf das Regal zu stellen. Dann greift er zur Tasche, steckt den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn. Doch nach einer viertel Umdrehung lässt er sich nicht mehr bewegen. Michael hebt den Kopf und schaut etwas verwundert.
In dem Moment wird die Türe aufgerissen. Michael schreckt zusammen. Seine Tasche fällt dumpf zu Boden. Seine plötzlich geweiteten Augen sehen Karin in der Tür schmunzeln. Michael schaut überrascht, dann greift er sich mit der flachen Hand an die Stirn und gibt ihr einen Kuss. „Entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass wir…“ Sie unterbricht ihn. In ihrer Stimme schwingt scherzhaftes Bedauern: „Herr Oberarzt, Herr Oberarzt, wo wird das bloß hinführen?“ Wenig später stehen sie gemeinsam gemütlich gekleidet in der Küche und kochen.
He Micha, mach doch mal das Radio leiser und gib mir die Karotten bitte. Danke, den Schäler. Gut, die Schüssel. Schweiß abtupfen, Herr Oberarzt! — Ha ha…! — Vielen Dank. Jetzt die Pilze. In der Zwischenzeit kannst du schon mal das Fleisch anbraten. Und holst du bitte von dem Vitaminsaft? Bilde dir übrigens bloß nicht ein, dass du jetzt, wo du befördert worden bist, mehr Privilegien genießen würdest hier…!
Wir müssen übrigens noch das Zimmer ausmessen, der Schreiner kommt doch wegen dem Bett. Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie der Schrank aussehen soll? Kirsch fände ich schön. Was meinst du? Das ist zwar ein bisschen dunkel, aber eben warm dunkel. Omi hatte immer einen Kirschschrank im Schlafzimmer. Hast du die Zwiebeln? Super, dank dir. Ach, Schatz, und wasch doch noch den Salat. Und… Kuß! Ähm: Bist du da?
Jaja, bin nicht abwesend. Mir geht nur die Arbeit durch den Kopf. Manfred hat was mit Felix im Schilde. Das verfolgt mich ein bisschen, zumal sich beide recht verschlossen halten. Ansonsten ich bin höchst zufrieden, aber irgendwie wurmt mich das, die haben Pläne und ich wäre gerne eingeweiht, jetzt, wo ich Oberarzt bin… Naja, Rosmarin? Was macht denn unser Kleiner?
Vor dem Theater
28. April 2009
So. Hallo. Da bin ich. Das ist er also. Der Anfang. Jetzt geht‘s los. Von hier aus. Von hier aus in die Welt und zurück. Eine Möglichkeit anzufangen. Ein erster Schritt auf dem Weg in ein großes und ruhmreiches Irgendwohin, ein Aufleuchten in den Scheinwerfern über den Brettern, die die Welt bedeuten. Ja, das ist es: Jetzt geht‘s endlich los!
Er schaut vom Boden auf an die Hauswand auf der anderen Seite der Straße. Er sitzt auf einer braunen Bank aus ineinander gebogenen Stahlmaschenplatten. Sein Oberkörper ist leicht nach vornüber gebeugt, die Ellenbogen ruhen auf den Knien und lassen die Unterarme und Hände zwischen die breit aufgestellten Beine hängen. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, die Augen sind leicht zusammengekniffen, das rechte mehr als das linke. Die Stirn drückt die Brauen nah an die Augen herunter, als müssten sie diese schützen, obwohl der bedeckte Himmel kaum Licht abzusondern vermag.
Der Platz liegt an einer mäßig befahrenen Kreuzung in der Innenstadt. Die Straßen sind breit, jedoch hauptsächlich von Öffentlichem befahren. Zu dem Platz selbst führen ein paar flache Betontreppenstufen hinauf, die dann in eine Schicht Kies übergehen. Der wiederum ist bedeckt von Kippen, Essensmüll und verfallendem Laub der Platanen, das einen süßlich herben Geruch verbreitet. Mehrere Bäume sind auf dem kleinen, fast schon engen Platz verteilt, in dessen Mitte sich einige Bänke zu einer Ellipse anordnen, je paarig, um dann von Mülleimern unterbrochen zu werden.
Auf einer dieser Bänke sitzt er nun, zwei Stöpsel in den Ohren, die Musik lässt sein rechtes Bein leicht im Rhythmus wippen. Er trägt Jeans und Sportschuhe aus Stoff ohne Schnürsenkel. Kariert. Eine gestrickte Wolljacke mit Kapuze graubraun. Die Haare hängen ihm ins Gesicht und biegen sich über den Ohren leicht nach außen und oben. Er ist der Einzige, der hier sitzt. Ansonsten ist es kühl und bewölkt. Die Passanten gehen mit zugeknöpften Jacken und hinter Schals verkrochen durch die Straßen, einige an ihm vorbei zu dem höher gelegen Maschinenbrunnen in seinem Rücken, der den Vorplatz des Theaters ziert.
Ich sitze hier mitten in einer fremden Stadt. Das Drahtgitter dieser Stahlbank drückt mir sein Muster in die Arschbacken. Ein ganzer Haufen Krähen macht sich vor meinen Füßen über die Dönerreste her, die von den Schuljungs am Boden verteilt wurden. Meine künftige Arbeitsstelle, das hiesige Theater, ist ein Betonklotz. In diesen Theaterhausbetonklotz und dann auf die Bühne und dann in die Welt hinaus führt mein Weg. Egal wohin. Aber groß. Richtig groß muss es sein, – na Kleiner, schmeckt denn das Zeug aus dem Straßenstaub? Ihr seid gierige Viecher, wisst ihr das? Nicht, dass ihr Vorzeichen seid und ich auf der Bühne erschossen werde wie der eine in dem Film da. Wie hieß der gleich?
Er steht auf und geht in Richtung der Treppen, die zum Theater hinaufführen. Er geht die Treppen hinauf und steuert auf die Stahlglastüre zu. Dabei passiert er eine Skulptur: Zwei Mauern aus Stahl, jede ungefähr drei Meter hoch und fünf Meter lang. Sie sind stark gerostet und heben sich mit ihrem hellen, fast rötlichen Braun von dem quadratischen grau des Betonklotzes im Hintergrund ab. Sie sind leicht gebogen, zwei elliptische Klammern, wie in einem Schriftsatz aneinander gestellt ohne Leerschlag dazwischen und leicht ineinander verschoben.
Was hat sich eigentlich derjenige gedacht, der hier diese Stahlwände auf diesen Vorplatz gestellt hat? Dass sich das kluge Publikum hier mental auf Wasauchimmer einstellt, gnadenvolle Inszenierungen? Rostender Stahl. Dazwischen ein Hohlraum – das Hirn, huhhh: Spooky mental Innenraum. Na, wenigstens ist der real und ich muss ihn nicht filmen, damit alle Welt weiß, dass diese Skulptur hässlich ist.
Gestatten, Leon, mein Name. Schauspieler. Jung, unverbraucht, ehrgeizig: Auf dem Weg in meine glorreiche Zukunft. Ah, und Herr Betonklotz. Ja, klar, nun, es ist wirklich eine Freude, dass Sie hier die Bretter beherbergen, die die WELT bedeuten, meine Welt, Bretter, auf denen ich… Ja, klar werde ich mich nicht übernehmen. Ich nehme mir Ihren Charme zum Vorbild, dann kann nichts schief gehen — Was…? — Nein, um Gottes Willen! Das war nicht frech gemeint, entschuldigen Sie, oh Gott, nie würde ich, mein geschätzter Freund, wie können Sie…!?!
Die Krähen kommen
27. April 2009
Wir schweben über den Hochnebel hinaus, die blendende Sonne im Nacken, auf den Wangen, im Ohr. Der eiskalte Wind reisst am Gesicht, schlägt die Haut wie klirrende Fahnen den Mast. Er reisst einige Federn aus den Wurzeln, es ist ihnen zu kalt, sie zu halten. Tränen versuchen verkniffene Augen zu schützen. Sie gefrieren in geraden Bahnen aus den Augenwinkeln hinter das Ohr, während die Schläge der Lider den Blick nur für Bruchteile eines Moments klären, bis er sich wieder mit einem salzigen Schleier bedeckt. Die Lungen leer und fast ohne Luft saugen allein durch den Druck des Windes gefrorenen Himmelsatem ein. Abenteuerluft. Eisenkälte.
Wir tauchen aus der gleißenden Landschaft in wolkenschneeweiche Wellenhügel, mit wachsam geschärften Augen in die Hochnebelbank, Schnabel voraus, er sticht die Wolkenhaut an. Sie umfängt unsere Leiber wie Stahlwatte. Keine schreit. Schmalharte Lider schützen Blicke und der kalte Nebel durchbohrt wie Nadeln Federkleid und Haut. Fetzen von Klarheit brechen auf. Sichtlücke. Lidentspannung. Dann wieder Unschärfe und zuletzt eine Andeutung von Dunkel aus wattiger Kälte. Sie verdeutlicht sich langsam zu einer gestalteten Oberfläche, noch von Fetzen durchzogen, als wolle sie den neugierigen und hungrigen Augen ihre Echtheit nicht ganz offenbaren.
Diese Fläche nimmt Konturen an wie die Kälte nachlässt und sich in eine nasskühle Feuchte verwandelt. Sie ist durchzogen von einem silbern glitzernden Band und von allmählich Schatten werfenden Reliefs in beige und dunkelolive Flächen geordnet. Formlos helle Flecken, graue Ränder ausgefranst zwischen tränengesäumten Lidern wachsen zu Feldern, Häusertürmen, Straßen, Gebäuden, Kirchen und Bahnhöfen zwischen Gleisadern. Sie bremsen zuerst den Blick und dann den Flug und als hätten sie eine Schallhaut kugelförmig um sich gespannt, prallt der Sturz in die ausgespannten, verhärteten Flügel, in eine Waagrechte und unsere Köpfe beginnen zu schauen, nach links und nach rechts, die Hälse zu recken und zu drehen und zu wenden.
Kontakt.
Wir nehmen Kontakt auf. Kontakt zu da unten. Wir nehmen Kontakt auf mit den Dächern und Straßen und Stromleitungen zwischen unten und hier, Blickkontakt zu den Bewegungen dort, zu den Schritten, den Gerüchen, zu Nahrung und Landung. Wir finden einen Landeort, einen Platz, einen Baum darauf, mehrere, vielleicht einen Giebel oder ein Türmchen, einen Aussichtspunkt, ein Refugium. Wir landen hier: Auf einem Baum, blattlos totes Geäst und eine springt auf den Boden. Denn: Wir haben Hunger.
Die Vorhut auf der Suche nach Abfall und Nahrung. Eine hüpft über den Kiesboden zum Abfallkorb. Springt auf dessen Rand, schaut und stochert darin herum. Wirft Papier und Plastik heraus, andere kommen, es zu prüfen. Sie schleudern die Fetzen herum, picken den einen oder anderen Rest Nahrung heraus, blicken auf. Schauen sich um, unbeteiligt, als wären sie Passanten beim Einkaufsbummel, nähern sich mehrere einem liegen gebliebenen Brot. Sie rupfen Salatblätter und Salami heraus. Erkunden. Ein Schrei und ein *krah* und auf einmal sind die anderen da. Mehrere tragen den Schatz mit ihren Schnäbeln davon. Nur die Vorhut bleibt unten, stakst herum und schaut auf Füße, Gesichter, Hände, in Mülleimer, sitzt auf Bänken, Treppen, in Bäumen, versucht Blickkontakt zu erhaschen. Einen Menschen mit ihren Augen zu fangen. Sitzt dann einfach nur da. Wie du jetzt.