Der Auftrag
19. Mai 2009
Thomas steigt die Treppe zu den Redaktionsbüros hinauf. Er tut das nicht sonderlich schnell und ohne größeren Elan. Er hat eine Tasche über die Schulter gehängt, in der sich der Form nach zu urteilen sein Laptop befindet. Er hat sich am Morgen nicht rasiert und sieht insgesamt etwas verschlafen aus, als er die Tür zu dem Großraumbüro öffnet, in dem sein Schreibtisch steht: Hinten am Fenster, vor dem in regelmäßigen Abständen fünf Straßenbahnlinien verkehren. Er passiert gerade das durch eine Glaswand abgetrennte Büro seines Chefredakteurs, als dieser ihn zu sich ruft. Er winkt in dem Moment, als Thomas den Kaffeeautomaten fixiert, als er schon in seinen Taschen nach Kleingeld sucht und nur kurz aufschaut, ohne Grund, genau in die bestimmt bestimmende Geste seines Chefs. Thomas nickt, lässt sich einen Kaffee heraus und betritt das Büro. Er setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und erwartet eine Standpauke, vielleicht sogar eine Kündigung, in jedem Fall aber eine Intensivierung seiner Demütigung.
Thomas, erinnerst du dich noch an dein Stadtblog von letztem Jahr?
Ja, warum, ich…
Ich würde das gerne reaktivieren, sind Struktur und Dateien noch vorhanden?
Äh, eigentlich hat sich um die technische Seite Stefan gekümmert, aber…
Dann frag ihn bitte danach. Ansonsten soll er nochmal ein Blog in dem Stil aufsetzen, länger als einen Tag dürfte das ja nicht dauern. Hast du heute schon Nachrichten gehört?
Ähm, wenn ich ehrlich bin, nein… Sag mal, was willst du von mir? Mach‘s kurz, wenn du mich rausschmeißen willst!
Falsche Fährte. Im Krankenhaus liegt ein Patient, bei dem man die Vogelgrippe vermutet. Die Regierung wird morgen ein Warnschreiben an alle Haushalte der Stadt und vorerst der näheren Umgebung verschicken, in dem die Leute vor dieser Grippe gewarnt werden. Ich…
Ach was!
Und wie. Wir werden dein Stadtblog reaktivieren und als eine Art Seuchenblog aufziehen, einerseits mit den neuesten Informationen, andererseits mit Hintergründen, Reportagen, Interviews, mit allem, was sich machen lässt. Die Regierung ruft explizit zur intensiven Nutzung regionaler Medien auf. Ich vermute also, so etwas könnte sinnvoll sein. Außerdem müssen wir sicher gehen: Wenn diese Pandemie wirklich hier ausbricht, was wir nicht hoffen wollen, kann es sein, dass wir die Redaktionsräume schließen müssen, vielleicht sogar die Produktion der gedruckten Zeitung für einige Zeit einstellen. Da wäre eine gut aufgegleiste Online-Infoseite nur über die Grippe nicht schlecht. Was meinst du?
Natürlich, warum nicht? Und du willst mich nicht rausschmeißen?
Thomas, weißt du, wie hoch unsere Auflage in den letzten Wochen war, als die Sache mit dem Politiker gekocht hat?
Nein.
Hoch, sehr hoch. Dass dein Ruf etwas ramponiert ist, nun, in Journalistenkreisen kannst du dich die nächsten Wochen nicht mehr blicken lassen. Aber dieses Blog ist die perfekte Möglichkeit, deinen Ruf wieder ein bisschen aufzupolieren. Und wenn die Grippe kommt, dann hat die Geschichte eh jeder schnell vergessen.
Hm.
Noch nicht so fit heute, ha? Also, pack das Ding an, damit wir das morgen aufschalten können, sobald alle Haushalte diesen Warnbrief haben, ok?
Ok!