Die Krähen kommen
27. April 2009
Wir schweben über den Hochnebel hinaus, die blendende Sonne im Nacken, auf den Wangen, im Ohr. Der eiskalte Wind reisst am Gesicht, schlägt die Haut wie klirrende Fahnen den Mast. Er reisst einige Federn aus den Wurzeln, es ist ihnen zu kalt, sie zu halten. Tränen versuchen verkniffene Augen zu schützen. Sie gefrieren in geraden Bahnen aus den Augenwinkeln hinter das Ohr, während die Schläge der Lider den Blick nur für Bruchteile eines Moments klären, bis er sich wieder mit einem salzigen Schleier bedeckt. Die Lungen leer und fast ohne Luft saugen allein durch den Druck des Windes gefrorenen Himmelsatem ein. Abenteuerluft. Eisenkälte.
Wir tauchen aus der gleißenden Landschaft in wolkenschneeweiche Wellenhügel, mit wachsam geschärften Augen in die Hochnebelbank, Schnabel voraus, er sticht die Wolkenhaut an. Sie umfängt unsere Leiber wie Stahlwatte. Keine schreit. Schmalharte Lider schützen Blicke und der kalte Nebel durchbohrt wie Nadeln Federkleid und Haut. Fetzen von Klarheit brechen auf. Sichtlücke. Lidentspannung. Dann wieder Unschärfe und zuletzt eine Andeutung von Dunkel aus wattiger Kälte. Sie verdeutlicht sich langsam zu einer gestalteten Oberfläche, noch von Fetzen durchzogen, als wolle sie den neugierigen und hungrigen Augen ihre Echtheit nicht ganz offenbaren.
Diese Fläche nimmt Konturen an wie die Kälte nachlässt und sich in eine nasskühle Feuchte verwandelt. Sie ist durchzogen von einem silbern glitzernden Band und von allmählich Schatten werfenden Reliefs in beige und dunkelolive Flächen geordnet. Formlos helle Flecken, graue Ränder ausgefranst zwischen tränengesäumten Lidern wachsen zu Feldern, Häusertürmen, Straßen, Gebäuden, Kirchen und Bahnhöfen zwischen Gleisadern. Sie bremsen zuerst den Blick und dann den Flug und als hätten sie eine Schallhaut kugelförmig um sich gespannt, prallt der Sturz in die ausgespannten, verhärteten Flügel, in eine Waagrechte und unsere Köpfe beginnen zu schauen, nach links und nach rechts, die Hälse zu recken und zu drehen und zu wenden.
Kontakt.
Wir nehmen Kontakt auf. Kontakt zu da unten. Wir nehmen Kontakt auf mit den Dächern und Straßen und Stromleitungen zwischen unten und hier, Blickkontakt zu den Bewegungen dort, zu den Schritten, den Gerüchen, zu Nahrung und Landung. Wir finden einen Landeort, einen Platz, einen Baum darauf, mehrere, vielleicht einen Giebel oder ein Türmchen, einen Aussichtspunkt, ein Refugium. Wir landen hier: Auf einem Baum, blattlos totes Geäst und eine springt auf den Boden. Denn: Wir haben Hunger.
Die Vorhut auf der Suche nach Abfall und Nahrung. Eine hüpft über den Kiesboden zum Abfallkorb. Springt auf dessen Rand, schaut und stochert darin herum. Wirft Papier und Plastik heraus, andere kommen, es zu prüfen. Sie schleudern die Fetzen herum, picken den einen oder anderen Rest Nahrung heraus, blicken auf. Schauen sich um, unbeteiligt, als wären sie Passanten beim Einkaufsbummel, nähern sich mehrere einem liegen gebliebenen Brot. Sie rupfen Salatblätter und Salami heraus. Erkunden. Ein Schrei und ein *krah* und auf einmal sind die anderen da. Mehrere tragen den Schatz mit ihren Schnäbeln davon. Nur die Vorhut bleibt unten, stakst herum und schaut auf Füße, Gesichter, Hände, in Mülleimer, sitzt auf Bänken, Treppen, in Bäumen, versucht Blickkontakt zu erhaschen. Einen Menschen mit ihren Augen zu fangen. Sitzt dann einfach nur da. Wie du jetzt.