Im Krankenhaus

30. April 2009

Das Krankenhaus liegt außerhalb und etwas oberhalb der alten Innenstadt. Das Hauptgebäude stammt aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, ein nüchterner Steinbau mit zwei runden Hörsälen unter dem Dach, die beidseitig oberhalb des Portals aus der Mauer ragen. Weiter die Straße entlang wächst ein moderner Anbau aus Beton, Stahl und Glas aus dem fein geschnittenen Rasen. Hinter beiden Gebäuden verteilen sich um einen Park herum die Mensa, Labors, eine Bibliothek, der Südflügel für Notfälle und ambulante Behandlungen.

Er geht schnellen Schritts in die große und hohe Eingangshalle. Seine ledernen Absätze knallen auf den Holzboden. Er nickt dem Pförtner in der Glaskabine kurz zu, ohne auf dessen Reaktion zu warten. Gerade als er bei den Lifts ankommt, öffnet sich eine der Türen. Er tritt ein, drückt einen Knopf. In der vierten Etage geht er an Behandlungszimmern, Labors, Toiletten und einem Schwesternzimmer vorbei. Vor letzterem hält er an. Er schaut vorsichtig durch die halb geöffnete Tür, sein Blick verweilt einen Augenblick darin, dann geht er weiter.

Am Ende des Ganges klopft er an eine Tür und tritt ein ohne zu warten. Die Sekretärin schaut auf und sagt: „Der Chef wartet schon“, während er ohne den Kopf zu drehen an ihr vorbei und auf die schwarze Türe zugeht und ein großräumiges Büro betritt, ein Eckzimmer mit zwei Glasfronten, Wänden aus nacktem Beton, nüchtern schwarz und silbern eingerichtet. Er geht etwas langsamer zu dem Schreibtisch, der den halben Raum füllt, darauf ein schmales, weißes Laptop, und setzt sich in den schweren Ledersessel davor.

Morgen, Felix.

Morgen, Manfred. Was gibt‘s?

Schön, dass du kommst. Folgendes: Ich habe gestern einen Investor getroffen, der unser Projekt unterstützen würde. Bedingungen stellt er keine außer den üblichen, nämlich dass sein Kapital innerhalb der nächsten, sagen wir fünf Jahre Gewinn abwirft. Was meinst du, wann können wir den Wirkstoff testen?

Hm, im Moment stehen noch die Ergebnisse für den letzten Versuch aus, die Stämme entwickeln sich aber prächtig. Ich würde sagen, dass wir in drei Monaten mit einer ersten klinischen Versuchsphase anfangen können. Aber das ist eine vorsichtige Prognose, es könnte länger dauern.

Na, aber das hört sich doch gar nicht so schlecht an. Könntest du in den nächsten Tagen die bisherigen Ergebnisse dokumentieren?

Kein Problem, das meiste ist schon im Computer. Meint es der Investor ernst? Und hat er ein bisschen Ahnung von der Sache?

Ich glaube schon.

Gut.

Michael kommt nach Hause

29. April 2009

Karin steht in der Küche. Sie trägt einen Trainingsanzug. Ihr blondes Haar hat sie locker hochgesteckt. Es wird von einer Spange zusammengehalten. Sie wartet, bis das Wasser kocht. Vor ihr steht eine leere Tasse mit einem Käuterteebeutel.

Michael betritt das Haus. Seine dunkle Jacke und die Ledertasche in der linken Hand sind feucht vom Niesel draußen. Hinter ihm fällt die schwere Eichentür ins Schloss. Er macht das Licht an, das nur Dämmerlicht abgibt.

Im Wasserkocher brodelt es immer heftiger, bis er ausgeht. Karin nimmt den Kessel und gießt ihren Tee auf. Sie geht ins Esszimmer, setzt sich an den runden Holztisch und blättert in der Zeitung. Nach einigen Augenblicken legt sie sie wieder weg und starrt aus dem Fenster, der Himmel ist wolkenverhangen grau. Sie schlürft vorsichtig vom heißen Tee.

Das enge Treppenhaus ist schwach beleuchtet. Die alten Holzstufen knarren unter seinen Schritten. Nach dem zweiten Treppenabsatz muss er im Dunkeln stehenbleiben, um erneut das Licht anzuschalten. Hinter einer der Türen dröhnt Kindergeschrei schrill. Etwas donnert gegen die Wand. Er greift zum Geländer und geht weiter.

Das Handy zeigt nichts an außer 19:36 und dem Status des Akkus. Sie steht auf, die Tasse in der Hand, geht zum Bücherregal und nimmt eines der Bücher von einem Stapel. Sie schaut es an, liest den Klappentext kennt die dunklen Seiten Coldhavens. Sein Vater, ein bekannter Naturfotograf legt es wieder auf den Stapel. Ihr Blick gleitet am Bücheregal vorbei zu dem alten Sofa, Plüsch, am Fernseher, an den Platten vorbei zu dem kleinen Zimmer, das leer steht.

Auf den letzten Stufen zieht er den Schlüssel aus der Tasche. Er bleibt vor der Wohnungstür stehen, stellt die Tasche ab, hält sich mit der linken Hand an der Wand fest und zieht die Schuhe aus, um sie auf das Regal zu stellen. Dann greift er zur Tasche, steckt den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn. Doch nach einer viertel Umdrehung lässt er sich nicht mehr bewegen. Michael hebt den Kopf und schaut etwas verwundert.

In dem Moment wird die Türe aufgerissen. Michael schreckt zusammen. Seine Tasche fällt dumpf zu Boden. Seine plötzlich geweiteten Augen sehen Karin in der Tür schmunzeln. Michael schaut überrascht, dann greift er sich mit der flachen Hand an die Stirn und gibt ihr einen Kuss. „Entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass wir…“ Sie unterbricht ihn. In ihrer Stimme schwingt  scherzhaftes Bedauern: „Herr Oberarzt, Herr Oberarzt, wo wird das bloß hinführen?“ Wenig später stehen sie gemeinsam gemütlich gekleidet in der Küche und kochen.

He Micha, mach doch mal das Radio leiser und gib mir die Karotten bitte. Danke, den Schäler. Gut, die Schüssel. Schweiß abtupfen, Herr Oberarzt! — Ha ha…! — Vielen Dank. Jetzt die Pilze. In der Zwischenzeit kannst du schon mal das Fleisch anbraten. Und holst du bitte von dem Vitaminsaft? Bilde dir übrigens bloß nicht ein, dass du jetzt, wo du befördert worden bist, mehr Privilegien genießen würdest hier…!

Wir müssen übrigens noch das Zimmer ausmessen, der Schreiner kommt doch wegen dem Bett. Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie der Schrank aussehen soll? Kirsch fände ich schön. Was meinst du? Das ist zwar ein bisschen dunkel, aber eben warm dunkel. Omi hatte immer einen Kirschschrank im Schlafzimmer. Hast du die Zwiebeln? Super, dank dir. Ach, Schatz, und wasch doch noch den Salat. Und… Kuß! Ähm: Bist du da?

Jaja, bin nicht abwesend. Mir geht nur die Arbeit durch den Kopf. Manfred hat was mit Felix im Schilde. Das verfolgt mich ein bisschen, zumal sich beide recht verschlossen halten. Ansonsten ich bin höchst zufrieden, aber irgendwie wurmt mich das, die haben Pläne und ich wäre gerne eingeweiht, jetzt, wo ich Oberarzt bin… Naja, Rosmarin? Was macht denn unser Kleiner?

Vor dem Theater

28. April 2009

So. Hallo. Da bin ich. Das ist er also. Der Anfang. Jetzt geht‘s los. Von hier aus. Von hier aus in die Welt und zurück. Eine Möglichkeit anzufangen. Ein erster Schritt auf dem Weg in ein großes und ruhmreiches Irgendwohin, ein Aufleuchten in den Scheinwerfern über den Brettern, die die Welt bedeuten. Ja, das ist es: Jetzt geht‘s endlich los!

Er schaut vom Boden auf an die Hauswand auf der anderen Seite der Straße. Er sitzt auf einer braunen Bank aus ineinander gebogenen Stahlmaschenplatten. Sein Oberkörper ist leicht nach vornüber gebeugt, die Ellenbogen ruhen auf den Knien und lassen die Unterarme und Hände zwischen die breit aufgestellten Beine hängen. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, die Augen sind leicht zusammengekniffen, das rechte mehr als das linke. Die Stirn drückt die Brauen nah an die Augen herunter, als müssten sie diese schützen, obwohl der bedeckte Himmel kaum Licht abzusondern vermag.

Der Platz liegt an einer mäßig befahrenen Kreuzung in der Innenstadt. Die Straßen sind breit, jedoch hauptsächlich von Öffentlichem befahren. Zu dem Platz selbst führen ein paar flache Betontreppenstufen hinauf, die dann in eine Schicht Kies übergehen. Der wiederum ist bedeckt von Kippen, Essensmüll und verfallendem Laub der Platanen, das einen süßlich herben Geruch verbreitet. Mehrere Bäume sind auf dem kleinen, fast schon engen Platz verteilt, in dessen Mitte sich einige Bänke zu einer Ellipse anordnen, je paarig, um dann von Mülleimern unterbrochen zu werden.

Auf einer dieser Bänke sitzt er nun, zwei Stöpsel in den Ohren, die Musik lässt sein rechtes Bein leicht im Rhythmus wippen. Er trägt Jeans und Sportschuhe aus Stoff ohne Schnürsenkel. Kariert. Eine gestrickte Wolljacke mit Kapuze graubraun. Die Haare hängen ihm ins Gesicht und biegen sich über den Ohren leicht nach außen und oben. Er ist der Einzige, der hier sitzt. Ansonsten ist es kühl und bewölkt. Die Passanten gehen mit zugeknöpften Jacken und hinter Schals verkrochen durch die Straßen, einige an ihm vorbei zu dem höher gelegen Maschinenbrunnen in seinem Rücken, der den Vorplatz des Theaters ziert.

Ich sitze hier mitten in einer fremden Stadt. Das Drahtgitter dieser Stahlbank drückt mir sein Muster in die Arschbacken. Ein ganzer Haufen Krähen macht sich vor meinen Füßen über die Dönerreste her, die von den Schuljungs am Boden verteilt wurden. Meine künftige Arbeitsstelle, das hiesige Theater, ist ein Betonklotz. In diesen Theaterhausbetonklotz und dann auf die Bühne und dann in die Welt hinaus führt mein Weg. Egal wohin. Aber groß. Richtig groß muss es sein, – na Kleiner, schmeckt denn das Zeug aus dem Straßenstaub? Ihr seid gierige Viecher, wisst ihr das? Nicht, dass ihr Vorzeichen seid und ich auf der Bühne erschossen werde wie der eine in dem Film da. Wie hieß der gleich?

Er steht auf und geht in Richtung der Treppen, die zum Theater hinaufführen. Er geht die Treppen hinauf und steuert auf die Stahlglastüre zu. Dabei passiert er eine Skulptur: Zwei Mauern aus Stahl, jede ungefähr drei Meter hoch und fünf Meter lang. Sie sind stark gerostet und heben sich mit ihrem hellen, fast rötlichen Braun von dem quadratischen grau des Betonklotzes im Hintergrund ab. Sie sind leicht gebogen, zwei elliptische Klammern, wie in einem Schriftsatz aneinander gestellt ohne Leerschlag dazwischen und leicht ineinander verschoben.

Was hat sich eigentlich derjenige gedacht, der hier diese Stahlwände auf diesen Vorplatz gestellt hat? Dass sich das kluge Publikum hier mental auf Wasauchimmer einstellt, gnadenvolle Inszenierungen? Rostender Stahl. Dazwischen ein Hohlraum – das Hirn, huhhh: Spooky mental Innenraum. Na, wenigstens ist der real und ich muss ihn nicht filmen, damit alle Welt weiß, dass diese Skulptur hässlich ist.

Gestatten, Leon, mein Name. Schauspieler. Jung, unverbraucht, ehrgeizig: Auf dem Weg in meine glorreiche Zukunft. Ah, und Herr Betonklotz. Ja, klar, nun, es ist wirklich eine Freude, dass Sie hier die Bretter beherbergen, die die WELT bedeuten, meine Welt, Bretter, auf denen ich… Ja, klar werde ich mich nicht übernehmen. Ich nehme mir Ihren Charme zum Vorbild, dann kann nichts schief gehen — Was…? — Nein, um Gottes Willen! Das war nicht frech gemeint, entschuldigen Sie, oh Gott, nie würde ich, mein geschätzter Freund, wie können Sie…!?!

Die Krähen kommen

27. April 2009

Wir schweben über den Hochnebel hinaus, die blendende Sonne im Nacken, auf den Wangen, im Ohr. Der eiskalte Wind reisst am Gesicht, schlägt die Haut wie klirrende Fahnen den Mast. Er reisst einige Federn aus den Wurzeln, es ist ihnen zu kalt, sie zu halten. Tränen versuchen verkniffene Augen zu schützen. Sie gefrieren in geraden Bahnen aus den Augenwinkeln hinter das Ohr, während die Schläge der Lider den Blick nur für Bruchteile eines Moments klären, bis er sich wieder mit einem salzigen Schleier bedeckt. Die Lungen leer und fast ohne Luft saugen allein durch den Druck des Windes gefrorenen Himmelsatem ein. Abenteuerluft. Eisenkälte.

Wir tauchen aus der gleißenden Landschaft in wolkenschneeweiche Wellenhügel, mit wachsam geschärften Augen in die Hochnebelbank, Schnabel voraus, er sticht die Wolkenhaut an. Sie umfängt unsere Leiber wie Stahlwatte. Keine schreit. Schmalharte Lider schützen Blicke und der kalte Nebel durchbohrt wie Nadeln Federkleid und Haut. Fetzen von Klarheit brechen auf. Sichtlücke. Lidentspannung. Dann wieder Unschärfe und zuletzt eine Andeutung von Dunkel aus wattiger Kälte. Sie verdeutlicht sich langsam zu einer gestalteten Oberfläche, noch von Fetzen durchzogen, als wolle sie den neugierigen und hungrigen Augen ihre Echtheit nicht ganz offenbaren.

Diese Fläche nimmt Konturen an wie die Kälte nachlässt und sich in eine nasskühle Feuchte verwandelt. Sie ist durchzogen von einem silbern glitzernden Band und von allmählich Schatten werfenden Reliefs in beige und dunkelolive Flächen geordnet. Formlos helle Flecken, graue Ränder ausgefranst zwischen tränengesäumten Lidern wachsen zu Feldern, Häusertürmen, Straßen, Gebäuden, Kirchen und Bahnhöfen zwischen Gleisadern. Sie bremsen zuerst den Blick und dann den Flug und als hätten sie eine Schallhaut kugelförmig um sich gespannt, prallt der Sturz in die ausgespannten, verhärteten Flügel, in eine Waagrechte und unsere Köpfe beginnen zu schauen, nach links und nach rechts, die Hälse zu recken und zu drehen und zu wenden.

Kontakt.

Wir nehmen Kontakt auf. Kontakt zu da unten. Wir nehmen Kontakt auf mit den Dächern und Straßen und Stromleitungen zwischen unten und hier, Blickkontakt zu den Bewegungen dort, zu den Schritten, den Gerüchen, zu Nahrung und Landung. Wir finden einen Landeort, einen Platz, einen Baum darauf, mehrere, vielleicht einen Giebel oder ein Türmchen, einen Aussichtspunkt, ein Refugium. Wir landen hier: Auf einem Baum, blattlos totes Geäst und eine springt auf den Boden. Denn: Wir haben Hunger.

Die Vorhut auf der Suche nach Abfall und Nahrung. Eine hüpft über den Kiesboden zum Abfallkorb. Springt auf dessen Rand, schaut und stochert darin herum. Wirft Papier und Plastik heraus, andere kommen, es zu prüfen. Sie schleudern die Fetzen herum, picken den einen oder anderen Rest Nahrung heraus, blicken auf. Schauen sich um, unbeteiligt, als wären sie Passanten beim Einkaufsbummel, nähern sich mehrere einem liegen gebliebenen Brot. Sie rupfen Salatblätter und Salami heraus. Erkunden. Ein Schrei und ein *krah* und auf einmal sind die anderen da. Mehrere tragen den Schatz mit ihren Schnäbeln davon. Nur die Vorhut bleibt unten, stakst herum und schaut auf Füße, Gesichter, Hände, in Mülleimer, sitzt auf Bänken, Treppen, in Bäumen, versucht Blickkontakt zu erhaschen. Einen Menschen mit ihren Augen zu fangen. Sitzt dann einfach nur da. Wie du jetzt.